Mein Leben als Kampfsportler – Teil 2

Meine harte Arbeit im Kampfsport machte sich schnell bezahlt. Die ersten Turniere, die ich absolvierte, waren bereits erfolgreich und ich fand mich fast immer auf dem Siegertreppchen wieder. Stolz wie Oskar brachte ich meine ersten Pokale nach Hause. Die Turniere wurden größer und ich trainierte immer härter.

Dies ist der zweite Teil der Reihe „Mein Leben als Kickboxer“. Den ersten Teil findet ihr hier.

 

An meine erste Deutsche Meisterschaft kann ich mich noch gut erinnern. Ich war sehr nervös. So ein Turniertag begann meistens schon um sieben Uhr morgens. Morgens aufzustehen fiel mir schon immer schwer, aber dann mit wenigen Stunden Schlaf ist sowas immer besonders nervenaufreibend. Das Einschlafen am Abend vor einem Turnier war nämlich immer sehr schwierig. In Gedanken ging ich immer wieder meine Techniken durch. Malte mir aus, wie ein Kampf ablaufen würde und machte mir Sorgen, ob ich genug trainiert hatte. Kaum aus dem Bett, schlüpfte ich schon in den Trainingsanzug.

Die Turniere fanden fast immer in großen Sporthallen statt. Überall waren Matten aufgebaut und viele hundert Kämpfer und Kampfsportbegeisterte fanden sich hier wieder. Meine Kämpfe begannen aber in der Regel erst nachmittags. Und so musste ich den ganzen Tag meine Nervosität aushalten. Sich warmzumachen lohnte sich auch erst eine Stunde vor dem ersten Kampf und so saß ich den lieben langen Tag auf der Tribüne und schaute zu.

Wenn es dann endlich losging, ging alles ganz schnell. Ich stellte mich mit den anderen Kämpfern in eine Reihe auf und musterte meine Gegner ganz genau. Wer war größer als ich, wer sah besser trainiert aus. Bei einer Sportart, die immer im Eins-gegen-Eins abläuft, muss man seine Gegner immer gut einzuschätzen wissen. Dann ging es auch schon los. Der erste Kampf des Turniers.

 

In zwei Minuten die Arbeit eines ganzen Jahres zeigen

Sven Wolff Sporting Emden

Auf dem Hallenboden ist mit Tape ein Ring eingezeichnet. Beide Kämpfer stellen sich in diesem Ring voreinander auf und jeweils hinter dem Kämpfer steht der jeweilige Trainier. Das musste bei den Turnieren damals nicht immer der eigene sein. Es kam durchaus öfter vor, dass wildfremde Menschen hinter einem standen und Tipps gaben. Der eigene Trainier kämpfte dann gerade vielleicht selbst oder coachte einen anderen Kämpfer, den er vielleicht auch nicht kannte. Es ging immer wild zu.

Insgesamt gibt es drei Ringrichter. Einen Hauptkampfrichter und jeweils zwei weitere in einer Ecke. Auf der Matte haben die Kämpfer keinen Mucks zu machen. Jedes Wort das gesprochen wird ist zu viel und führt beim ersten Mal zu einer Ermahnung, schlimmer zu einem Punktabzug. Sich über Kampfrichterentscheidungen zu beschweren lohnt sich also nicht.

Die Kämpfer geben sich vor dem Beginn die Hand bzw. klopfen sich mit ihren Boxhandschuhen ab. Danach geht es los. Die Uhr läuft. Meistens werden zwei Mal zwei Minuten gekämpft. Nicht viel Zeit, aber genug, um als Kämpfer an die Leistungsgrenze zu gehen.

Mein erster Kampf an diesem Tag war gleich der Schwerste. Mein Gegenüber war klarer Favorit und war mir bereits bei anderen Turnieren begegnet. Der Kampfrichter gab das Signal und die ersten Fäuste und Füße flogen durch die Luft. Ich habe mich wacker geschlagen und konnte gute Treffer landen. Meine Lieblingstechnik ist und bleibt der gedrehte Sidekick. Mit einer schnellen Drehung und einer perfektionierten Technik war es mir möglich, meine Gegner immer unterhalb der Deckung zu treffen.

So auch bei diesem Kampf. Mein Gegner hatte sichtlich Mühe, meine Techniken abzuwehren und ich ging in Führung. Nur noch wenige Sekunden waren auf der Uhr und ich war schon am Ende meiner Kräfte. Der Kampf verlangte mir alles ab und der Schweiß tropfte mir vom Gesicht. Mit all meiner Kraft sprang ich vom Boden ab und klatschte mit meinem Faustrücken in das Gesicht meines Gegners. Der Gong ertönte und der Kampf war zu Ende. Meine Technik zählte und mit einem riesigen Strahlen im Gesicht ging ich als Sieger aus diesem Kampf hervor. Es war mein Tag und ich konnte mich auch in den weiteren Kämpfen durchsetzen. Am Ende war ich frisch gebackener deutscher Meister und kam aus dem Staunen nicht heraus.

 

Auf einmal war ich international erfolgreich

Sven Wolff

Es folgten weitere Turniere. Bald darauf auch sogar meine erste internationale Meisterschaft – eine Europameisterschaft. Nach unzählbaren Stunden des Trainings konnte ich mich endlich auf der internationalen Bühne beweisen und freute mich wie ein kleines Kind. Große Chancen rechnete ich mir nicht aus, aber der Wille zum Sieg war auf jeden Fall da.

Der Tag der Europameisterschaft lief ab wie jeder andere Turniertag. Viel warten, viel Aufregung und dann ging wie immer alles ganz schnell. Ich konnte meine Gegner alle dominieren und war auf einmal im Finale. Dort traf ich auf einen erfahrenen Kämpfer, der mit seinem schwarzen Gurt großen Eindruck auf mich machte. Gefühlt war er einen Meter größer als ich und meine Nervosität war am Limit.

Der Kampf fand auf der Hauptmatte in der Halle statt. Mitten im Geschehen und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuschauer. Ich atmete tief durch und setzte mein Kampfgesicht auf: eine ernste Miene und einen eiskalten Blick. Unsere Fäuste und Füße flogen wieder durch die Luft und es blieb ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Es waren nur noch wenige Sekunden auf der Uhr. Der Trainer meines Gegenübers rief nach einem Timeout. Der Kampf wurde für 30 Sekunden unterbrochen.

Ich atmete wieder tief durch, versuchte meinen Puls wieder auf eine normale Frequenz zu bringen und ging in mich. All meine noch vorhandene Energie musste nun in wenigen Sekunden zur Verfügung stehen. Der Kampfrichter bat uns wieder in die Mitte der Matte und gab wenig später das Signal, dass es weitergeht. Wir tasteten uns ab, keiner wagte es, einen entscheidenden Angriff zu starten. Nach meinem Zeitgefühl war noch ein Angriff möglich. Noch stand es unentschieden. Mein Gegenüber hatte wohl das Gleiche Gefühl und feuerte eine Kombination ab.

Seine Faustschläge trafen ins Leere und er versuchte mich mit einem Roundhousekick zu treffen. Ich sammelte meine Energie und machte meine Lieblingstechnik: Der gedrehte Sidekick. Mit einer schnellen Drehung versuchte ich mein Bein über seins zu bekommen, mit Erfolg. Wir beide hatten die Beine weit ausgestreckt, doch durch meine Drehbewegung schaffte ich es, dass mein Bein über seinem war. Mit meiner ganzen Kraft drückte ich mein Bein durch und traf ihn in der Mitte seines Brustkorbs. Der finale Treffer.

 

Im dritten und letzten Teil erzähle ich euch von meinem struggle nach meiner aktiven Zeit und warum es für mich immer besonders schwer war, wieder an meine alten Erfolge anzuknüpfen.

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