Generation Schranz

Ich kann mich an hunderte geile Partys erinnern. Vor über zehn Jahren bin ich durch die Weltgeschichte gereist und habe verschiedene dunkle Hallen von innen erlebt. Laut, feucht und immer was besonderes. Egal ob hier in Deutschland, Holland oder im fernen Asien. Auf der Tanzfläche sind alle gleich: Nass, aus der Puste und in Ekstase.

 

Es begann bei mir ganz unspektakulär in der Kindheit. Die elektronisch angehauchte Musik war mir immer am liebsten. Die Synthesizer der Neunziger waren gerade im Pop allgegenwärtig. Ich merkte schnell, dass es auch ein wenig rhythmischer sein sollte und als Kind seiner Zeit war ich umgeben von den Ausläufern des Techno.

Alben wie Dream Dance oder sogar der berühmte Captain Jack schallten bald aus dem Kinderzimmer des kleinen blonden Jungen. Die Musik wurde schneller, härter und immer lauter. Der Bass wurde zur Faszination. Gleichzeitig war er auch ein willkommener Meinungsverstärker in der aufreibenden Zeit als rebellischer, pubertierender Jugendlicher. Die Zimmertür schlug zu, die Boxen drehten auf.

Es dauerte nicht lange und eine mysteriöse Basswelle aus Holland erreichte mein Ohr. Die ersten „Thunderdome“-CDs wanderten in meinen Besitz. Wohlbehütet und damals sogar versteckt. Worte wie „Fuck the Police“ im ganzen Haus zu hören fand leider nur ich witzig. Ich entdecke Stereokopfhörer und man fand mich alsbald nur noch kopfnickend in einer Ecke. Den Körper durchzuckend vom Bass bewegend.

Ich bin in der Provinz aufgewachsen. Fernab von Kult-Diskotheken und Szene-Clubs. Meine Quelle war das Internet. Dort fand ich schnell Musik, die mir gefiel und von der ich noch nie etwas hörte. Hardcore, Gabber und Detroit-Techno. Letzteres ist hier besser bekannt als Schranz. Undefinierbares Geschrammel für die einen, die vielleicht tanzbarste Musik für die anderen.

Die Musik war laut, die Klamotten bunt und der Kopf frei.

Bald hatte mich die Musik in ihren Bann gezogen. Komplett. Ich hab mir Tanzstile ausgedacht, adaptiert, weiterentwickelt und diese in Online-Videos veröffentlicht – lange vor YouTube. Schallplatten wurden in Holland gekauft. Hunderte. Zu Hause hatte ich eine ausgereifte DJ-Anlage und fing an, Mixtapes zu machen und auch diese gingen über den Äther. Ich hatte eine Webseite, war Moderator in einigen Foren. Am Zahn der Zeit, in einer Szene, die es nie schaffte, aus dem Rand der Gesellschaft auszubrechen. Die Musik laut, die Klamotten bunt und der Kopf frei.

In einem Alter wo andere von Diskos träumten, hatte ich schon unzählige besucht. Szene-Diskos wie das Kinky oder die Turbinenhalle waren schon abgegrast. In Holland kannte ich schon die besten Clubs und man erkannte mich. Es hat mich nie jemand nach meinem Alter gefragt. Falls doch, log ich. Kein Problem, denn die meisten interessierte nicht, wer du bist, wie du heißt oder was du machst. Tanzen solltest du, Spaß dabei haben und das machten alle zusammen, jeder für sich. Ich legte für eine Zeit professionell auf, machte damit Geld und war bald nicht mehr auf der Tanzfläche, sondern hinter den sich drehenden Plattentellern auf der Bühne.

Ich lernte die andere Seite der Musik kennen. Die böse Seite. Geld, Einnahmen und Gäste waren das Vokabular der Menschen hinter der Theke und  am Eingang hinter der Kasse. Die feierwütige Meute hatte nur selten Berührungspunkte mit diesen Menschen. Mir war diese Welt als heranwachsender junger Mann ebenfalls unbekannt. Ich sah zwar aus wie jemand der gerade seine Lehre beendet hatte, war aber in Wirklichkeit noch Schüler und sollte mich eigentlich auf eine Klassenarbeit vorbereiten.

So kam es auch, dass die findigen Geschäftsmänner schnell versuchten, den unerfahrenen jungen Typen auszutricksen. Die Kosten für einen Auftritt in einem Club für einen DJ sind unterschiedlich. Je nach Ausstattung seines Plattenkoffers, Musikrichtung auf der Party und eigenes Engagement. Ich bin und war schon immer ein Perfektionist. Jedes Wochenende sollten andere Titel über die Boxen laufen und der Menschenmenge einheizen. Kaum ein Track sollte wiedererkannt werden.

Zwischen Holland, Diskotheken und der Schule

Das war ein teures Unterfangen. Jede Woche fuhr ich nach Groningen und durchstöberte die Plattengeschäfte. Ich musste von meinen Eltern gefahren werden. Das wurde schnell nervig, auch wenn meine Ausgaben immer durch die Auftritte am Wochenende gedeckt wurden. Es folgten Partys in Großstädten. Ich reiste viel und die Deutsche Bahn war mein treuer Chauffeur. Die Partys wurden aber auch rauer. Die Veranstalter zwielichtiger. Ich wurde unvorsichtiger.

Es ging alles recht schnell. Zu dieser Zeit war ich schon fast zwei Jahre DJ. Zumindest bezeichnete ich mich als solcher. Die Volljährigkeit hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber immer noch nicht erreicht. Mein Perfektionismus sorgte dafür, dass das Auflegen zum Minusgeschäft wurde. Ich zahlte jedes Wochenende drauf. Für die gekaufte Musik in Holland, für die Bahnfahrten und später sogar für die Getränke von knausrigen Veranstaltern.

Es war eine Party in Bremen, die dafür sorgte, dass ich das Handtuch schmiss und dem Auflegen den Rücken kehrte. Es war ein Freitagabend wie jeder andere. Meine kleine Entourage von Freunden und Fans, die mir auf jede Party folgten, begleitete mich. Der Club war einschlägig bekannt und noch heute kennt jeder aus dieser Zeit den Namen. Die Tanzfläche war leer, die Gäste brachte ich somit mit. Ein knappes Dutzend aufgebrezelter Menschen füllte den schummrigen Raum und Stimmung wurde vergeblich gesucht. Es war nicht das erste Mal, dass ich für eine Party gebucht wurde, die eigentlich keine war. Die Stunden vergingen, mein Auftritt rückte näher, die anderen Gäste blieben fern.

Als ich an der Reihe war, spulte ich mein Set ab. Auswendig gelernt in der Woche davor. Die Handgriffe saßen und ich war wie in Trance. Den Fuß wippend, den Kopf nickend und die Finger über das Mischpult gleitend. Der Veranstalter stand während der ganzen Zeit neben mir. Bequatschte mich, bot mir Drogen an, füllte mich ab. Nach fast zwei Stunden war meine Zeit rum und die wenigen Gästen tanzten aufgeregt bis zum Schluss.

Ich selbst war aber unzufrieden. Ein weiterer Abend weit weg von zu Hause. Die Menschen um mich herum waren glücklich. Teilweise waren sie dafür nicht selbst verantwortlich. Drogen waren allgegenwärtig. So uninteressant sie damals für mich auch waren, so sah ich die Veränderung der Menschen. Das Ausharren bis zur nächsten Party. Die Afterhour, die nichts anderes war, als auf das Ende des Rauschzustands zu warten. Die immergleichen Probleme von Freunden, die daraus resultierten, dass man zu viel feierte. Drogen nahm. Nicht schlief. Feierte.

Da stand ich nun. Selbst noch in der Oberstufe. Der Veranstalter neben mir. Grinsend, schwitzend und irgendwie glücklich. Er beugte sich zu meinem Ohr und sagte, dass es für den Auftritt kein Geld geben würde. Es seien keine Gäste da. Ich solle warten bis die Party vorbei ist, vielleicht hätte ich Glück. Ich wartete. Bis zum Ende.

Kein Geld. Party lief nicht. Hau ab.

Ich ging in die Hinterzimmer des Clubs. Der Veranstalter lag auf einem Sofa. Eine junge Frau auf ihm. Sie knutschten wild rum, befummelten sich. Von mir nahmen beide keine Notiz. Mehrmals sagte ich Hallo, wedelte mit den Armen und bekam dennoch keine Reaktion. Ich blieb stehen. Wartete. Nach Minuten des Wartens zeigte sich eine Reaktion. Der Veranstalter löste sich von den Lippen der jungen Frau. Ein Sabberfaden hing noch am Mundwinkel. Er wurde wütend.

Was ich hier noch mache, fragte er. Es gebe kein Geld. Party lief nicht. Hau ab. Die Worte kreisten in meinem Kopf. Kein Geld? Mich hat der Auftritt hunderte Euros gekostet. Viel Geld für einen Schüler. Ich war sauer, diskutierte mit ihm. Die junge Frau wurde beiseite gestellt. Er stand auf. Türmte sich vor mir auf und schrie mich an. Ich blieb cool. Ließ mir meine Unruhe nicht anmerken. Erklärte meine Unkosten, meinen Aufwand und die Unverschämtheit seinerseits. Bis heute weiß ich nicht, ob es meine Worte waren oder seine Geilheit die dazu führten, dass er klein beigab. Der Veranstalter ging zu einer weißen Kasse, holte einen Schlüssel aus der Tasche und schloss sie auf. So schlecht schien die Party nicht  gelaufen zu sein. Das Kästchen war voller Geld.

Zähneknirschend steckte er mir einen Fünfziger in die Hand. Mehr sei nicht drin. Das restliche Geld sei für seine Kosten. Die Miete, das Personal und die Türsteher. Diese Sätze hörte ich nicht zum ersten Mal. Zu oft versuchten mir Leute wie er in dieser Zeit die Welt zu erklären. Ich nahm das Geld an und schwor mir zeitgleich, dass dies der letzte Auftritt war. Für immer. Die junge Frau saß auf dem Sofa, der Blick leer. Der schmierige Veranstalter machte keine Anstalten, mich zu verabschieden. Er war schon wieder mit der Zunge in dem Kopf von der Frau mit den leeren Augen. Ich ging und drehte mich nicht um.

Ein Teil von mir.

Die Jahre gingen ins Land und die Wochenenden, in denen man mich tanzend in den dunklen Hallen finden konnte, wurden weniger. Die DJ-Anlage verstaubte und die Schallplatten landeten auf dem Dachboden. Sicher und gut verpackt, für den Fall, dass ich doch noch wieder Interesse daran finde. Meine Videos und Mixes verschwanden im Nirvana des Internets. Die Festplatten, auf denen ich sie abgespeichert hatte, gingen kaputt. Es blieb wenig aus der Zeit. Ein paar Flyer, verkratzte CDs und die Erinnerung an eine geile Zeit.
Heute ist mein Musikgeschmack breit gefächert. Die Szene, in der ich einst war, gibt es gar nicht mehr. Längst hat die elektronische Musik den Weg in den Mainstream gefunden. Hip Hop ist genauso elektronisch wie Pop, Schlager oder Rock. Manchmal gehe ich meine Musik noch durch. Schwelgend in Erinnerungen. Zurückgeworfen durch die dröhnenden Bässe im Kopfhörer. Grinsend vor Freude, dass die Musik zwar ihren Reiz, aber nicht ihre Faszination verloren hat. Sie bleibt ein Teil von mir.

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