Eine (ent-) spannende Erfahrung

Nackt in die Sauna ist ja nichts Besonderes. Nacktschwimmen war mir jedoch neu.
In der stressigen Phase vor Abgabe der Projekte findet man nur sehr schwer Entspannung. Die Tage werden immer kürzer und der Kopf ist voll. Da ist ein Wellness-Tag mehr als nur Willkommen.

Aber einfach nur saunieren ist doch auch schon kalter Kaffee, da gibt es doch bestimmt Alternativen hab ich mir gedacht. Ich wurde fündig: das Neptunbad in Köln. Das Besondere am Neptunbad ist nicht die Architektonik, sondern das hier ein generelles Textilverbot herrscht.

Das Neptunbad war die erste neuzeitliche Badeanstalt in Köln. Eröffnet wurde das Bad 1912 im Kölner Vorort Ehrenfeld.

Der im Jugendstil gehaltene Innenbereich des Bades ist restauriert und bis heute gut erhalten. Glaskuppeln, handbemalte Wandkacheln und eine Neptunstatue zieren den Innenbereich. Seit 1986 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Für Scham ist kein Platz

Sonntagnachmittag. Ich treffe mich mit einer Freundin in Ehrenfeld. Wir wollen es uns heute so richtig gut gehen lassen. Auf dem Parkplatz vor dem Neptunbad ist die Klientel die das Bad anzieht schon leicht zu erkennen: Große SUVs deutscher Herkunft tummeln sich auf dem Parkplatz.

Die Hautevolee gibt sich hier ein Stell-Dich-Ein. Wir betreten die Eingangshalle und bekommen ein Armbändchen, dass wie uns die nette Dame an der Rezeption erklärt, Zugang zum Spind erlaubt und zum Bezahlen dient.

In der Umkleide sieht man schon, dass hier etwas anders ist: Es gibt keine Geschlechtertrennung. Es gibt zwar eine Damenumkleide, doch die meisten ziehen sich schon an Ort und Stelle um.

„Wir sehen uns gleich drin“, sagt meine weibliche Begleitung und lässt mich stehen wie bestellt und nicht abgeholt. Ich laufe herum, suche einen freien Spinnt, doch finde auf Anhieb keinen.

Verwirrt und etwas verschämt laufe ich hin und her. Ein weiterer Gast hat das gleiche Problem. Er hat die nette Dame vom Empfang geholt. Die hilft uns nun einen freien Platz zu finden und ich fange an mich zu entkleiden.

1994 musste das Bad geschlossen werden, da die umfangreichen Sanierungsarbeiten nicht finanziert werden konnten. Die Claudius Therme GmbH & Co. KG übernahm das Gebäude, die Betreiber führten bereits die gleichnamige Therme im Kölner Rheinpark.

Sie restaurierten das komplette Gebäude, blieben aber dem alten Jugendstil und den Traditionen treu und eröffneten im Jahr 2002 als Premium Sports Club und Spa. Hinzu kamen ein Fitnessbereich und ein Restaurant.

 

Nur mit einem Handtuch bewaffnet gehe ich nun mit meiner Begleitung in die Saunalandschaft. Ich fühlte mich als ob ich eine fernöstliche Oase eintauche. Überall stehen Buddha-Statuen.

Mit Steinen verzierte Becken wurden mit viel Liebe zum Detail platziert. Pflanzen, Büsche und Sträucher geben dem ganzen ein grünes, besonderes Ambiente. In der Mitte der Halle liegt ein Schwimmbecken, an der Seite mehrere Saunen mit verschiedenen Themen.

Lass doch erstmal schwimmen!

Im Gegensatz zu mir, ist meine Bekannte nicht zum ersten Mal hier. „Womit geht’s los?“, frage ich. „Lass doch erstmal schwimmen!“, sagt sie und grinst mich dabei an.

Wir laufen an das Ende der Halle, wo ein kleiner Schrank für Handtücher und ähnliches steht.

Sie streift ihr Handtuch ab, steht plötzlich völlig Hüllenlos vor mir – Sie lächelt mich an, entledigt sich ihrer Badelatschen und geht zum Becken.

Mit gespielter Selbstverständlichkeit tue ich es ihr gleich und steige auch ins Becken.

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in der Öffentlichkeit nackt schwimmen. „Ein komisches Gefühl“, denke ich mir. Das Wasser ist alles andere als warm.

„Die ersten zwanzig Minuten sind etwas komisch, aber man gewöhnt sich schnell an die Atmosphäre“, versichert mir meine Freundin. Kurz darauf steigen wir in ein heißes Becken, dass an eine japanischen Berglandschaft erinnert.

Wir unterhalten uns über das Bad und sie erklärte mir wo sich alles befindet. Es gibt noch mehrere Nebenräume und einen weitläufigen Außenbereich. Mich schaudert es bei dem Gedanken nur mit einem Handtuch, im Januar, nach draußen zu gehen. Doch ich hörte heraus, dass mir nichts anderes übrig bleibt.

Die Saunakultur ist älter als angenommen wird. Bereits im alten Rom gab es Dampfbäder. In skandinavischen Ländern ist es sogar unter Geschäftsleuten üblich sich in der Sauna zu treffen und geschäftliche Dinge zu entscheiden.

Aus medizinischer Sicht bewirkt das Saunieren eine Schwitzphase die, ähnlich wie Fieber, eine Zerstörung von Krankheitserregern hervorruft. Das kalte Bad nach einem Saunagang entspannt die Muskulatur und fördert den Stoffwechsel. Auch die Haut profitiert vom saunieren. Durch die Hitze quillt sie auf und verhornte Hautzellen lockern sich.

 

Lavendel-Sud für das Wohlbefinden

Wir probieren verschiedene Saunen aus. Zur Krönung machen wir sogar eine Anwendung mit. Mit anderen Gästen warten wir gespannt vor einer Sauna bis ein Gongschlag den Beginn eines Aufgusses signalisiert.

Wir strömen mit der Masse ein. Es ist eine japanische Themensauna. Nach kurzer Zeit betritt eine junge Frau, gekleidet in Sommerlicher Mode, den Raum.

„Ich heiße Josefina und stelle ihnen heute die Lavendel-Anwendung vor“, sagt sie mit einem scharmanten lächeln. Sie erklärt uns, dass sie nun einen Lavendel-Aufguss macht und beschreibt die Wirkung des Lavendels auf den Körper.

„Anschließend werde ich sie mit einem Lavendel-Sud einsprühen, die ätherischen Öle verstärken die Eigenschaften des Lavendels“, erklärt Josefina weiter. Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Mit zwei Sprühflaschen sprüht sie jeden einzelnen Gast ein.

Dann verabschiedet sie sich. Wir harren noch gute zehn Minuten in der Sauna aus, duschen uns ab und gehen in den Außenbereich.

Meine anfängliche Angst, ich würde bitterlich erfrieren war unbegründet. Auch draußen erwarteten uns heiße Becken. Wir machen es uns in einem gemütlich. „Angenehmer als vermutet“, denke ich mir.

Für ein paar Minuten denke ich nicht an die bevorstehenden Aufgaben in der Uni. Mein Tagesziel ist erreicht. Die ganzen nackten Menschen nehme ich nur am Rande wahr.

„Erstaunlich, wie schnell das zur Normalität wird“, sinniere ich vor mich hin. Ein gelungener Tag und eine (ent-)spannende Erfahrung.

 

Veröffentlich am 14.01.2013 bei Zeitjung.de
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Neptunbad.de

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