Das Labor für die Kunst

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Inmitten der Kölner Ebertplatzpassage findet sich das LABOR. Mit nur sechs Meter Länge und 80 Zentimeter Breite und einer Glasscheibe davor. Manch einer ist sicherlich schon unbemerkt daran vorbei gelaufen. Doch wer genauer durch die Scheibe schaut, wird Erstaunliches entdecken.


Die Ebertplatzpassage gilt als „Bausünde aus den siebziger Jahren“, als ein Dorn in den Augen der Anwohner. Überall nur grauer Beton, diffuses Licht aus vergilbten Lampen, Graffiti an den Wänden.

Die Rolltreppen sind schon seit über zwanzig Jahren außer Betrieb. Vor knapp zehn Jahren war der Ebertplatz Mittelpunkt der Drogenszene Kölns. Die Stadt hat sich damals entschlossen, das Buschwerk und die Bäume radikal zu stutzen. Der Platz wurde einsehbarer und die Junkies verschwanden.

Die Räumlichkeiten in der Passage wurden zu Modeboutiquen – keine blieb lange dort. Inmitten dieser Ödnis zwischen zwei afrikanischen Bars, einem Kiosk und zwei Galerien findet sich das LABOR.

Mit nur sechs Meter Länge und 80 Zentimeter Breite und einer Glasscheibe davor. Manch einer ist sicherlich schon unbemerkt daran vorbei gelaufen. Doch wer genauer durch die Scheibe schaut, wird Erstaunliches entdecken.

Mehr Atelier als Galerie

Denn das LABOR ist eigentlich ein Atelier mit Ausstellungsfläche im Schaufenster. Doch so klein es von außen erscheinen mag, innen ist eine Menge Platz für Kunst.

Die vier Betreiber haben sich damit einen Traum erfüllt. Seit der Eröffnung 2005 fanden hier schon unzählige Veranstaltungen statt. Kaspar König, Direktor des Museums Ludwig, war schon oft zu Gast. Der Kölner Künstler Andreas „Pinguin“ Treutinger hat hunderte Bilder aus seinem privaten Archiv bereitgestellt.

Treutinger sieht aus, wie man sich einen Künstler vorstellt. Ein leicht angegrauter Mann mittleren Alters, eine hagere Figur, eine runde Brille und auf dem Haupt eine schwarze schlichte Mütze.

Die Veranstaltung heißt „Bildwechsel“. Treutinger fotografiert noch immer analog und entwickelt seine Bilder im Drogeriemarkt.

„Ich halte nichts von digitaler Fotografie. Ich habe keinen Computer. Meine Bilder muss ich anfassen können.“ Zu Hause werfe er einen Stapel auf den Boden und arrangiere die Bilder so, wie er es wolle. „Am Computer kann ich das nicht!“, erklärt er trotzig.

Im Schaufenster sind Leinen aufgespannt und es liegen Wäscheklammern bereit. Am Ende soll eine Collage entstehen. Passanten werden zum Aufhängen der Bilder animiert. Der Künstler spricht viele Gäste persönlich an und erklärt ihnen sein Vorhaben.

Viele stellen sich hinter das Schaufenster und durchsuchen die Bilder-Stapel.

Urbane Kunst für urbane Leute

Vor dem LABOR sind Bänke und Tische aufgestellt. Leise läuft im Hintergrund elektronische Musik. Hier wird kein Sekt oder Wein gereicht, es wird Kölsch getrunken.

Es bilden sich viele Gruppen, alle tief in Gespräche verwickelt. Andreas Nowotny, einer der Betreiber, erklärt das Prinzip des LABORS: „Wir wollten einen Bereich, der es uns erlaubt, unsere Bilder auszustellen. Keiner soll uns Vorschriften über das ‚wie‘ und ‚wo‘ machen.

Im Schaufenster hängen die Arbeiten von uns, von Freunden oder von der letzten Veranstaltung. Wir haben alles in unserer Hand.“ Schließlich sei das LABOR keine Galerie, sondern ein Atelier, das mit anderen Künstlern zusammen arbeite, so Nowotny.

Er redet schnell und mit Begeisterung: „Wir waren die ersten Kunstmieter hier in der Passage. Keiner wollte hier hin. Projekte mit Einkaufsläden gingen immer wieder schief.“

Gerd Mies ist ein weiterer Betreiber des LABORS. Er nimmt die Lage des Ateliers mit Humor: „Wir sind die Außenseiter der Gesellschaft. Alle auf einem Platz“, erklärt er, „dort hinten die Alkoholiker, auf der anderen Seite die Penner, hier sind die Künstler.“

Es soll „oldschool“ sein. Eine Vernissage habe immer einen sehr kommerziellen Hintergrund. „Das können und wollen wir gar nicht bedienen“, meint Mies weiter. Sie wollten eine Plattform für sich, ihre Freunde und urbane Kunst schaffen.

Mit Skype in die ganze Welt

„Wir hatten hier schon Künstler aus Brasilien und Afrika“, fährt Mies fort und zeigt auf die Bilder in einem Katalog. Via Skype wurde eine gemeinsame Veranstaltung gefeiert. Mithilfe von zwei Bildschirmen und Kameras.

„Wir konnten gemeinsam auf drei Kontinenten feiern.“ Kunst sei schließlich auch ein Kommunikationsmittel. „Die Leute sollen hier runtergehen und denken: ‚ah, schon wieder was neues‘“, sagt Mies. Das sei die Idee des LABORs.

Das Atelier wird von den Künstlern und ihren Freunden finanziert. Die Veranstaltungen sollen nichts kosten. Förderung von der Stadt gab es in der Vergangenheit, doch damit machten die Betreiber schlechte Erfahrungen.

Nowotny seufzt: „Es ist kompliziert. Teilweise muss man ein halbes Jahr vorher Anträge stellen und rennt diesen dann hinterher. Für die 50 Euro, die einem am Ende bleiben, ist es der Aufwand nicht wert.“

Neben dem Schaufenster hängt ein Zettel. Der Preis für zwölf Fotos von „Pinguin“: 40 Euro. Der Käufer kann sich diese zu Hause selbst arrangieren oder sich Tipps vom Künstler holen. Währenddessen hat das Bild hinter dem Schaufenster Formen angenommen.

Aus vielen hunderten Bildern ist eine große Collage geworden. Nicht der Künstler hat diese zusammengestellt, sondern die Besucher und Passanten.

Kunst auf hohem Niveau – nur wenige Meter vom ehemaligen Kölner Drogen-Moloch entfernt.

 

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