„Rüpeltouristen“ in Cala Ratjada

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Mallorca, Spanien – für einige schon längst deutsches Hoheitsgebiet. Jeden Sommer fliegen unzählige Deutsche auf die Insel und machen Urlaub. Eins vergessen die Urlauber jedoch gern: sie sind hier nicht zu Hause, sondern zu Besuch.


Des einen Freud ist des anderen Leid. So oder so ähnlich lässt sich mittlerweile die Zweckbeziehung zwischen Deutschen und Mallorquinern auf der Balearischen Insel beschreiben.

Vor einiger Zeit galt der Ballermann als das Party-Domizil von Pauschaltouristen. Dies sind die Strände in El Arenal zwar immer noch, sie wurden aber durch verschiedene Gebiete auf der Insel ergänzt. Einer dieser Orte ist Cala Ratjada. Der Küstenort im Nordwesten der Insel ist bekannt für seine Partymeile, günstige Hotels und bekam den Beinamen: Cala Ratata.

Spanisch? Braucht doch niemand auf Mallorca

Trotz eines zweistündigen Flugs scheinen viele Urlauber zu glauben, Deutschland nicht verlassen zu haben. Die Menschen, Kellner und sowieso jeder wird auf Deutsch angesprochen. Bestellt, nach dem Weg gefragt und gefeiert wird in der Muttersprache.

Hier zu Lande regt man sich über Migranten auf, die kein Deutsch lernen – auf Mallorca wird geradezu verlangt, dass der Gegenüber Deutsch spricht. Es wird nicht mal gefragt. Die Menschen setzen sich im Restaurant, oder in der Bar an den Tisch und plappern drauf los.

Die Mallorquiner kennen das bereits und bekommen ohne Deutschkenntnisse schon keine Jobs mehr in den Feriengebieten. Wenn ein Deutscher nach Frankreich kommt, merkt er, wie es sich anfühlt. Die Franzosen sind Meister, wenn es um Sprachdiktatur geht. Doch davon soll hier nicht die Rede sein.

Cala Ratjada wird beherrscht von jungen Menschen. Es hat sich rumgesprochen, dass die Hotels günstig sind, die vielen Diskotheken mit Angeboten locken und die Strände nur wenige Meter entfernt darauf warten, besiedelt zu werden.

Was sich nicht rumgesprochen hat, sind die Gesetze, die in Spanien gelten. Zum einen ist es verboten, Alkohol auf offener Straße zu trinken – ähnlich wie in Amerika wird nur in Lokalen und zu Hause konsumiert.

Zum anderen sind zwischen den Hotels viele Wohnhäuser, die dank der spanischen Bauweise, nur mit sehr dünnen Wänden ausgestattet sind – Ruhestörungen in der Nacht sind an der Tagesordnung.

Eine Polizeieinheit extra für nächtliche Ausschreitungen

Einen Blick auf die Partymeile in der Nacht lässt einem zum Teil die Sprache verschlagen: junge Menschen laufen auf den Straßen und kümmern sich nicht darum, dass hinter ihnen schon mehrere Autos hupend darauf warten, dass sie die Gehwege benutzen. Bier, Schnaps und andere Getränke werden am Straßenrand eingenommen und die Flaschen gedankenlos auf der Straße entsorgt.

So manche Nebenstraße sieht am nächsten Tag aus, als wäre eine Mülltonne explodiert. Parkende Autos werden zerkratzt oder gleich umgekippt. Es wird sich benommen, als sei man zu Hause – oder auch nicht.

Die Mallorquiner haben mittlerweile mit einer Sondereinheit für die nächtlichen Ausschreitungen reagiert. Sie haben die „Unidad Noctura“ ins Leben gerufen. Mit harten Geldstrafen und ständigen Streifen versuchen sie, die Ausschreitungen der Urlauber in den Griff zu bekommen.

Alkoholvergiftungen gehören zur Tagesordnung

Der Alkoholkonsum nimmt Ausmaße an, die jeglicher Vernunft entsagen. Es sind in den Sommermonaten jeden Tag über 30 Grad und der Flüssigkeitsverlust wird mit Bier und Schnaps ausgeglichen.

Dies hat zur Folge, dass regelmäßig die jungen Feriengäste ins nahe gelegene Krankenhaus eingeliefert werden müssen. So erging es auch Kim* aus Hannover. Sie war gerade einen Tag auf der Insel und wurde gegen 22 Uhr an der Straßenecke aufgefunden. Kaum ansprechbar und gerade noch bei Bewusstsein. Ihre Freunde waren schon weitergezogen.

Andere Urlauber fanden sie so auf und suchten verzweifelt jemanden, der die Nummer vom Rettungsdienst kannte.

Sergio, ein Kellner aus dem naheliegenden Restaurant, hat kein Mitleid: „Ich habe lange in einem Hotel hier gearbeitet. Jede Nacht habe ich solche jungen Mädchen oder Jungen gesehen. Mitleid? Habe ich nicht mehr.“

Auch die Rettungskräfte sind es leid, jeden Abend Jugendliche von den Straßen aufzulesen. Sie kennen das Verhalten der Deutschen mittlerweile.

Anwohner gegen Partytouristen

Torsten wohnt schon seit fünf Jahren in Cala Ratjada. Er ist Teil der Gegenbewegung von Anwohnern die sich sehr über das Verhalten der „Rüpeltouristen“ aufregen. Die Bewegung hat schon über 400 Mitglieder. „Ich merke sofort, wenn in Deutschland die Sommerferien beginnen“, erzählt der Wahl-Mallorquiner.

„Wenn ich versuche, mit dem Auto nach Hause zu fahren, schaffe ich es kaum durch die Straßen. Hupe ich oder fordere die Jugendlichen auf, die Straße zu verlassen, werde ich angepöbelt und beleidigt.“ Es ist also kaum ein Wunder, dass die Anwohner und Stammgäste die jungen Pauschaltouristen leid sind.

Ein neuer Versuch die Situation zu entschärfen ist eine „Umsiedlung“. Im benachbarten Küstenort Cala Millor wird groß investiert und eine neue Partymeile geschaffen.

Mit Hüpfburgen, großen Diskotheken und billigen Hostels werden Jugendliche angelockt. Ob die Probleme dort weiter gehen, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Ein gutes Beispiel, um die Gäste zu beschreiben, ist der Fakt, dass bei Flügen von und nach Mallorca bei der Landung noch geklatscht wird.

Seit knapp zehn Jahren klatscht eigentlich niemand mehr nach der Landung. Doch davon haben die besonderen Gäste der Insel offensichtlich noch nichts gehört.

* Name von der Redaktion geändert.

 

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